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Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Dänen haben keine Lieder

9. Juni 2010

Dieser Artikel bei Spiegel-Online „Bildung à la Dänemark: Lerne lieber ungewöhnlich“ ist wieder gutes Futter für meine große Affinität zu den skandinavischen Ländern und voller Anregungen für sinnvolles Nichtstun (dazu auch mein Weblog: Frieden durch Faulheit). Und ja, ich finde es in Ordnung Wortwitze über Dänen zu machen („Dänen lügen nicht“ oder in einer Bildunterschrift des Spiegel-Artikels „Gut geht es den Dänen und denen, denen Dänen nahestehen“) ich glaube, wenn sie nicht respektlos sind, kann ein glücklicher Däne damit leben und immerhin sind sie das glücklichste Volk Europas.

Mehrere Monate sind Julie und ihre Mitschüler schon in der „Folkshøjskole“ im Örtchen Testrup zwischen den langgezogenen, grünen Hügeln Jütlands. Die meisten kommen anders als Julie direkt von der Schule. In Testrup werden die jungen Dänen bis Ende Juni zusammen leben, essen, wohnen – und lernen. Jeder hat eines der fünf Hauptfächer gewählt. Neben Musik sind es Philosophie, Literatur, Theater und Kunst – also ausschließlich Dinge, die als brotlos gelten.

Leitspruch: „Finde raus, worin du gut bist“

Die Højskole von Testrup ist eine von 76 solchen Schulen in dem kleinen skandinavischen Land, die jährlich rund 3500 Jugendliche besuchen. Mit Kost, Logis und Unterricht kostet der Aufenthalt im gemeinnützigen Erwachseneninternat umgerechnet rund 4000 Euro – den gleichen Betrag legt der Staat obendrauf.

Dafür stellt das Bildungsministerium ein paar Bedingungen an die Volkshochschulen, die mit einer deutschen VHS nur den Namen teilen: Sie müssen mindestens 28 Stunden pro Woche unterrichten, und die Inhalte müssen allgemeinbildend sein – ansonsten sind die Schulen unabhängig. Staatlich gefördert sollen sie den Jugendlichen helfen, sich zwischen Schulabschluss und Uni oder Arbeitsleben zu orientieren und dazuzulernen oder einfach im Studium die Chance für eine Pause bieten. „Finde raus, worin du gut bist“, das ist ihr Leitspruch. Hier soll Bildung ein Abenteuer sein.

Der Mensch soll doch kein „Produktionstier“ sein

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Ein Ergebnis der Google-Bildsuche nach "Testrup"

Vielleicht führe ich eine neue Kategorie ein: „Seltsame Bilder, die Google zu einem gesuchten Stichwort findet“. Der Hund hat mir gefallen und tauchte bei der Suche nach „Testrup“ auf der zweiten Seite auf. Ist das Tierliebe oder Tierquälerei?

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Im herkömmlichen Sinn sei das schon Zeitverschwendung, was seine Schule hier mache, sagt Carlsen und lacht. Genau das sei ja der Punkt: Von allen Seiten werde jungen Menschen heute eingetrichtert, sie müssten sich ausbilden, um produktiv zu sein, Geld zu verdienen und zu konsumieren, damit sich die Räder der Gesellschaft drehen. Carlsen gefällt das nicht – da werde der Menschen „zum Produktionstier“. Was er und seine Kollegen an den Højskolen machten, das sei „prinzipieller Widerstand gegen die Funktionalisierung des Menschen in der modernen Gesellschaft“.

Eine großzügige Auszeit ist in Dänemark nichts besonderes. Wer es sich leisten kann, macht nach der Schule eine einjährige Weltreise, absolviert kulturelle oder soziale Hilfsdienste im Ausland oder besucht für ein halbes Jahr eine Volkshochschule. Manche machen auch beides, Ausland plus lehrreiche Auszeit in der Heimat. Aber woher kommt die Idee, junge Erwachsene in speziellen Landschulen auf einen humanistischen Selbsterfahrungs-Trip zu schicken?

Schnell ist Schulleiter Carlsen beim geistigen Vorvater der Schulen: Nikolaj Frederik Severin Grundtvig, Pastor, Dichter und Historiker, dreimal verheiratet und „dreimal wahnsinnig, total wahnsinnig“, sagt Carlsen. Manisch-depressiv würde man einen wie Grundtvig heute nennen.

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Nikolaj Frederik Severin Grundtvig, Pastor, Dichter und Historiker

Freies Lernen ohne Druck und Paukwissen

Die Højskole war für Grundtvig der Eckstein, auf dem er eine lebenswerte Gesellschaft errichten wollte. Freie Bildung ohne Druck und ohne Paukwissen für alle, stattdessen lernen in einer Gemeinschaft, die auch zusammen lebt. Der Denker wollte vor allem den Geist der Menschen bilden. Seine Ideen klingen wie eine Blaupause für Hippieträumereien des 20. Jahrhunderts – erfunden in Dänemark, dem offiziell glücklichsten Land Europas.

Deutschland ist anders getaktet. Nur noch 12 statt 13 Jahre bis zum Abitur, den Bachelor-Abschluss möglichst in drei Jahren – junge Erwachsene geraten oft in einen Geschwindigkeitsrausch, in dem Pausen nicht als Gewinn, sondern als Störung im Wettlauf Richtung Arbeitsmarkt gelten.

Abgesehen vom Unterricht und den Essenzeiten kann jeder tun und lassen, was er will. Alle Türen sind immer offen. Jeder kann nachts mit seinen Zimmerkollegen in einem Musikraum proben, Fotos in der Dunkelkammer entwickeln, am Lagerfeuer ein Feierabendbier trinken oder einfach nur lesen oder schlafen. Alles gehört allen und ist fast jederzeit verfügbar.

Streng wird Schulleiter Carlsen höchstens, wenn es ums gemeinsame Singen geht. Nach dem Frühstück und nach dem Mittagessen im Speisesaal kommen Schüler und Lehrer zusammen, schlagen dicke blaue Gesangsbücher auf, links vorn klemmt sich der Musiklehrer hinter den Flügel. Natürlich gehört auch dazu eine pädagogische Idee: „Wer singt“, sagt Carlsen, „ist niemals gleichgültig“ – die Grundtvig-Schulen seien ein „organisierter Prozess gegen die Gleichgültigkeit“.

„Ich will mich entwickeln und meine Grenzen verschieben“.

Quelle: Spiegel-Online

Homepage der Testrup Højskole (in Englisch)

Wikipedia-Artikel zu Nikolai Frederik Severin Grundtvig

Und zum Schluss noch Otto: